Übergewicht

Apfel- oder Birnen-Typ?

Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht

Seit längerem ist bekannt, dass gerade eine rumpfbetonte Fettverteilung ein Risikofaktor für die Entwicklung zahlreicher Stoffwechselerkrankungen ist. Übergewicht sagt alleine recht wenig über das Gesundheitsrisiko eines Menschen aus. Für die Entwicklung von Folgeerkrankungen ist die Fettverteilung von entscheidender Bedeutung. Ein gesundheitliches Risiko besteht vor allem in der abdominellen Adipositas, des sogenannten Apfel-Typ, d.h. Fetteinlagerung am Bauch.

Die moderne Labordiagnostik macht es nun deutlich: Fettgewebe ist sehr wohl aktiv und beteiligt sich am Stoffwechsel, ganz besonders das im Bauchraum angesiedelte Fett.

Stress macht dick

Der bisher angewandte Body Mass Index (BMI) ist für die Beurteilung des gesundheitlichen Risikos von Übergewicht nur bedingt geeignet. Er zeigt lediglich das Verhältnis zwischen Körpergröße und Körpermasse auf, gibt jedoch keinen Hinweis, wie das Fett im Körper verteilt ist. Unsere Hormone spielen nicht nur bei der Einlagerung von Fett eine Rolle, sondern auch ganz entscheidend bei der Fettverteilung. In Stresssituationen wird neben Adrenalin auch das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Diese Hormone, die evolutionsbedingt auf Kampf oder Flucht vorbereiten sollen, werden in unserem modernen Leben zunehmend durch Dauerstress aktiviert und ausgeschüttet. Beruflicher Stress und persönlicher Freizeitstress nach Feierabend oder in der Familie haben einen ständig erhöhten Cortisol-Spiegel zur Folge und zu viel Cortisol macht dick. Es fördert vor allem das gefährliche innere Bauchfett, dessen Zellen auf Grund vieler Rezeptoren besonders gut in der Lage sind, Cortisol zu binden. Die Folge: Der Bauch wächst stetig.

Apfel- oder Birnen-Typ? Welcher Typ bin ich?

Den Bauchumfang kann jeder selbst leicht messen. Wenn das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte den Faktor 0,85 übersteigt, spricht man vom sogenannten Apfel-Typ. Ein solcher erhöhter Taillenumfang zwischen Brustkorb und Becken stellt den wichtigsten Risikofaktor des metabolischen Syndroms dar. Das metabolische Syndrom ist charakterisiert durch vier Faktoren: Abdominelle Fettleibigkeit, Bluthochdruck, veränderte Blutfettwerte und Insulinresistenz.

Gefahren für den Apfel-Typ

Es drohen dem Apfel-Typ stärker als dem allgemein Übergewichtigen Gefahren der Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Auch weiß man inzwischen, dass das metabolische Syndrom zu einer verdeckten Entzündung mit einem erhöhten Risiko für Demenz einschließlich der Alzheimer-Erkrankung führen kann.

Ein kleines Enzym mit dicker Wirkung

Forscher haben mittlerweile ein Enzym entdeckt, das zu einer verstärkten Produktion des Hormons Cortisol führt und damit die Entstehung von bauchbetonter Fettsucht fördert. Das Enzym heißt 11β-Hydroxy-Steroiddehydrogenase (11β-HSD). Dieses Enzym kommt in zwei Varianten im Menschen vor: Typ 1 vorwiegend in Leber, Fettgewebe, Lunge und speziellen Immunzellen im Blut und Typ 2 in Nieren, Speicheldrüsen, Dickdarm und Plazenta. Die natürliche Aufgabe dieser Enzyme im menschlichen Körper besteht darin, die lokalen Gewebekonzentrationen von Cortisol zu regulieren, wobei Typ 1 die Cortisol-Konzentrationen steigert und Typ 2 diese mindert. Das biologisch inaktive Cortison wird durch dieses Enzym in das biologisch aktive Cortisol umgewandelt.

Das Schlüsselenzym des Zucker-Stoffwechsels

Das Enzym 11β-HSD-1 wird so als Schlüsselenzym des Zucker-Stoffwechsels angesehen. Es konnte nachgewiesen werden, dass bei übergewichtigen Patienten ein gestörter Cortisol-Stoffwechsel auf eine deutlich erhöhte Aktivität des Enzyms in der Leber und im Bauchfett zurückzuführen ist.

Ist die Bildung des Enzyms in den Fettzellen erheblich gesteigert, führt dies zu einer höheren Konzentration an aktivem Cortisol und damit zu einer Vergrößerung der Bauch-Fettzellen.

Was sind die Folgen einer Überaktivität des Enzyms 11β-HSD-1?

Eine Überaktivität des Cortisol-aktivierenden Enzyms kann also nicht nur zum sogenannten Apfel-Typ führen, sondern ebenfalls zu Diabetes mellitus und zu Bluthochdruck.

Das Enzym reguliert ebenfalls die Steroidhormonaktivität im Gehirn. So verbessert die Hemmung des Enzyms die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen und hat antidepressive Effekte.

Was passiert, wenn wir zu viele Kohlenhydrate zu uns nehmen?

Bei der Aufnahme von Zucker über die Nahrung werden im Körper Insulin und Glucocorticoide freigesetzt, die eine gegenläufige Wirkung haben: Insulin baut den Zucker im Blut ab, Glucocorticoide erhöhen den Blutzuckergehalt. Da 11β-HSD-1 als Enzym die Produktion von Glucocorticoiden fördert, sinkt der Blutzuckerspiegel nach der Nahrungsaufnahme nicht wieder wie vorgesehen. Da Diabetiker resistent gegen Insulin sind und der Zucker im Blut demnach nicht abgebaut werden kann, ist dieser Prozess bei ihnen besonders problematisch.

Wie kommt es zu einer Zunahme des Enzyms 11β-HSD-1?

Die Ursachen für eine Überaktivität des Enzyms liegen u.a. in der altersbedingten Abnahme wichtiger Hormone – wie Progesteron, Östrogene, Androgene und Wachstumshormonen – in der dritten Lebensdekade. Diese Hormone sind aber wichtige Hemmstoffe von 11β-HSD-1.

Die Diagnose ist einfach

 Durch einen einfachen Urintest kann festgestellt werden, ob zu hohe Cortisol-Werte aufgrund einer erhöhten Aktivität des 11ß-HSD-1-Enzyms die Fetteinlagerung begünstigen. Das Laborergebnis liefert eine Aussage über die Aktivität des 11ß-HSD-1-Enzyms und zeigt gezielte Therapiemöglichkeiten.